Rolf Cantzen: Weniger Staat - mehr Gesellschaft

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Rolf Cantzen
 
Weniger Staat - mehr Gesellschaft
Freiheit – Ökologie – Anarchismus

264 Seiten, kartoniert, Euro 14.-
ISBN 978-3-922209-81-2
erschienen 1995


Rolf Cantzen: Weniger Staat - mehr Gesellschaft

Kritik am Staat und am staatlichen Handeln wird heute von verschiedenen Seiten erhoben. In dieser Auseinandersetzung kommt einer neuen, kritischen Aneignung des Anarchismus eine besondere Bedeutung zu. Es zeigen sich Berührungspunkte mit den Postulaten einer basisdemokratischen, dezentral-selbstorganisierten, solidarischen und ökologischen Gesellschaft.


Weshalb Neuaneignung anarchistischer Theorien – ein Vorgriff
Auftauchende Forderungen nach weniger Staat zielen vor allem darauf ab, dass sich der Staat aus bestimmten Bereichen zurückziehen soll. In der Wirtschaftspolitik ist die Forderung nach einer Reduzierung staatlicher Eingriffe verbunden mit der Vorstellung, dass der Markt und der freie Wettbewerb gestärkt werden müssten. Auch die Staatskritik im Bereich der Sozialpolitik richtet sich auf eine Reprivatisierung. Die Perspektive einer Vergesellschaftung scheint auf Seiten der Linken vollständig vergessen, obwohl im Demokratischen Sozialismus mit Vergesellschaftung durchaus eine umfassende Demokratisierung und sogar eine partielle Selbstverwaltung gemeint wurde. Doch der traditionelle Etatismus der etablierten "Linken" verhinderte eine basisdemokratische und auf Selbstverwaltung abzielende Vergesellschaftung und hatte eine Politik der Verstaatlichung der Gesellschaft zur Folge.
Für das Projekt einer Vergesellschaftung, d.h. für weniger Staat und mehr Gesellschaft, mangelte es in theoretischer Hinsicht bislang an folgendem:
· an einer radikalen Staatskritik; d.h. für die etablierte Linke, an einer Infragestellung ihrer eigenen autoritär-etatistischen Tradition
· an einem Gesellschaftsbegriff, der sich von den ideologischen Verzerrungen liberalistisch-bürgerlicher Theorie löst
· an der Perspektive einer auf dezentraler Selbstorganisation und auf Selbstverwaltung basierenden kooperativern und sozialen Gesellschaft
· an einer über die Staatskritik hinausgehenden radikalen Herrschaftskritik, die neben dem politisch-staatlichen Bereich in gleicher Weise auch den ökonomischen und sozialen Bereich einbezieht.

Was auf der Basis liberalen, konservativen und staatssozialistischen Denkens nicht gelingen kann, nämlich die Forderungen nach weniger Staat und mehr Gesellschaft in Deckung zu bringen, ermöglicht ein kritischer Rückgriff auf anarchistische Theorien. (...)
Für die Relevanz und Aktualität einer kritischen Wiederaneignung anarchistischer Theorien spricht,
· dass die traditionellen liberalen und staatssozialistischen Erklärungsmodelle gesellschaftlicher Prozesse ebenso an Bedeutung verlieren wie deren gesellschaftliche Zielvorstellungen,
· dass die in allen politischen Lagern erhobene Forderung nach weniger Staat im Rückgriff auf den Anarchismus sinnvoller mit dem Ideal der individuellen Freiheit und Selbstbestimmung zusammenzudenken ist als auf der Basis liberaler, staatsozialistischer und konservativer Politiktheorien,
· dass im Anarchismus nicht ein Weg zum Ziel der freien Gesellschaft verabsolutiert wurde und dass Anarchisten nicht nur eine gesellschaftliche Organisationsform als die "wahre" anarchistische vertreten. Vielmehr erscheint ein Nebeneinander verschiedener herrschaftsfreier Strukturen wahrscheinlich. Hierarchisch-zentralistische Gesellschaftsstrukturen werden zugunsten von komplementären und vielfältigen Strukturen verworfen. Dieser anarchistische Pluralismus lässt im Hinblick auf eine gesellschaftliche Umgestaltung den Einzelnen breiten Entfaltungsspielraum und ermöglicht es, die verbleibenden Freiräume individuell und flexibel zu nutzen, auf verschiedenen Ebenen zu wirken und nicht-hierarchische Strukturen partiell zu realisieren und auszudehnen.

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