Studie

Die Ergebnisse der Untersuchung von Carsten Frerk sind in einer über 1.000-seitigen Studie festgehalten.

Ausgangspunkt der Recherche war die Feststellung, dass die Kirchen unser Leben maßgeblich beeinflussen – auch dann, wenn wir gar nicht evangelisch oder katholisch sind. Wir geben unsere Kinder in einen kirchlichen Hort, weil es keine kommunale Einrichtung gibt. Wer einen sozialen Beruf ergreift, merkt schnell, dass die Konfession hier wichtiger ist als die Qualifikation, da viele Krankenhäuser und Altenheime von kirchlichen Trägern unterhalten werden. Und nach unserem Tod bestimmen christlich geprägte Friedhofsordnungen oft genug sogar, wie wir bestattet werden. Da in Deutschland mittlerweile rund ein Drittel der Bevölkerung keiner der beiden Kirchen angehört, stellt sich die Frage, warum das so ist.

Die Studie des Politikwissenschaftlers Carsten Frerk zeigt, dass es vor allem die systematische Lobbyarbeit der Kirchen ist, die deren Einfluss auf Gesetzgebung und Verwaltung sichert. In allen Bundesländern und natürlich auch in der Hauptstadt gibt es katholische und evangelische Büros, die den Kontakt in die Parlamente und die Bürokratie herstellen.

Die Kirchen erhalten zu einem frühen Zeitpunkt Kenntnis von Gesetzesvorhaben und sind wie keine zweite zivilgesellschaftliche Kraft in den Gesetzgebungsprozess eingebunden – obwohl ihnen dafür jegliche demokratische Legitimation fehlt. Auf diese Weise gelingt es ihnen, ihre Interessen auch dann durchzusetzen, wenn es dafür keine Mehrheit in der Bevölkerung gibt. Damit sind sie, wenn es um ihre ureigenen Belange geht, sogar erfolgreicher als große Industrieunternehmen.

In einer Demokratie ist es legitim, dass gesellschaftliche Gruppen ihre Interessen gegenüber der Politik vertreten. Höchst problematisch ist es jedoch, wenn einzelnen Gruppen ein privilegierter Zugang gewährt wird, wie das bei den großen Kirchen der Fall ist. Es fehlt an Bewussstsein für die Tatsache, dass die Kirchen keineswegs nur uneigennützig agieren, sondern handfeste eigene Organisationsinteressen vertreten.

Doch während die Lobbyarbeit der Wirtschaft inzwischen als unzulässig angesehen und beobachtet wird, fehlt hinsichtlich der Kirchen diesbezüglich noch jedes kritische Bewusstsein. Tatsächlich unterscheidet sich der christliche Lobbyismus nicht von den Versuchen der Wirtschaft, die Politik für ihre Zwecke einzuspannen. So wechseln Kirchenfunktionäre in die Ministerialbürokratie, wo sie mit kirchlichen Belangen befasst sind. Im Bereich der Entwicklungspolitik gibt es Bundestagsabgeordnete, die über Zuschüsse an Organisationen entscheiden, in deren Vorstand sie selbst sitzen. Ein langjähriger führender Mitarbeiter eines kirchlichen Büros formulierte ganz offen, dass es das Ziel der Arbeit in den Verbindungsbüros der Kirchen sei, dass die Ergebnisse nicht am nächsten Tag in den Zeitungen, sondern in den Gesetzestexten auch noch nach Jahren nachgelesen werden können.